Kongress Atemschutz und Einsatzstellenhygiene auf der A+A 2019

Smarte Lösungen und Eigenverantwortung

Atemschutzschutzgeräte sind modular, werden leichter und komfortabler, so dass sie flexibel eingesetzt werden können. Denn der demografische Wandel spiegelt sich auch in den Belegschaften wider. Heute arbeiten immer mehr Menschen immer länger. Sorgfältige Einsatzhygiene ist im Atemschutz ein zentrales Thema – vor allem bei der Feuerwehr.

„Wir befassen uns verstärkt mit dem demografischen Wandel innerhalb der Werksfeuerwehren und bei den Menschen, die in der Industrie PSA tragen müssen“, sagt Siegfried Fiedler, Leiter der Gruppe Atemschutz im Werksfeuerwehrverband Deutschland. „Mit abnehmender Fitness, die wir immer wieder auch bei jungen Leuten beobachten, steigen die Anforderungen an den Atemschutz.“ Denn einerseits schützen Atemschutzgeräte ihre Träger, andererseits beanspruchen sie sie aber auch enorm. „Die Geräte sollten möglichst wenig Gewicht und einen geringen Atemwiderstand haben“, so Fiedler.
Und dann gibt es die Bartträger, auch aus ideologischen Gründen, oder Brillenträger. Das verträgt sich nicht mit der Atemschutzmaske des Atemschutzgerätes, weil sie dann möglicherweise nicht mehr abdichtet. Bestimmte Hauben, die auf die Luftzuführung abgestimmt sind, können da Abhilfe leisten. „Möglichst wenige Bedingungen sollte es auch für den Einsatz von Atemschutzgeräten im Schichtdienst geben“, fordert Fiedler. Insgesamt stehen schon heute mit Gebläse unterstützten Filtergeräten, Druckschlauchgeräten, belüfteten Schutzanzügen, leichten Isoliergeräten und belüfteten Arbeitskabinen eine Vielzahl an Möglichkeiten für das Arbeiten unter Atemschutz zur Verfügung.

Pressluftatmer nach dem Baukastenprinzip

Die Firma Dräger beispielsweise vertritt eine ganzheitliche Sicht und empfiehlt das TOP-Prinzip, das technische, organisatorische und persönliche Maßnahmen umfasst. Produktseitig bietet das Unternehmen von wartungsarmen Halbmasken bis hin zu leichten Pressluftatmern, die sich einfach handhaben lassen und komfortabel sind. Das wird erreicht durch Gewichtsreduktion, verringerten Atemwiderstand und Belüftungen. Je nach Belastung bei der Arbeit reichen auch Gebläsefiltergeräte, die zwar abhängig von der Außenluft, aber dafür deutlich leichter sind. Die Firma MSA Safety hat mit ihrem Pressluftatmer M1 ein Produkt im Sortiment, das nach dem Baukastenprinzip individualisierbar ist und für unterschiedliche Feuerwehraufgaben konfiguriert werden kann.
Um genau zu bestimmen, ob der Einsatz persönlicher Schutzausrüstung und insbesondere Atemschutz am Arbeitsplatz mit dem Gesundheitszustand des Trägers vereinbar ist, gibt es den medizinischen Eignungstest G 26 der Berufsgenossenschaften. Diese Prüfung muss in regelmäßigen Abständen wiederholt werden. Die Art und Anzahl der Untersuchungen ergeben sich abhängig vom eingesetzten Atemschutzgerät und der Altersgruppe. „Unser Arbeitskreis steht in engem Kontakt mit den Herstellern. Es werden Tragetest durchgeführt, um die Qualität der Produkte und Maßnahmen vor ihrer Markteinführung auf Alltagstauglichkeit zu überprüfen.“

Immer gesünder und länger im Job

Grundsätzlich ist das Ziel, die Gesundheit der Arbeitnehmer zu erhalten. So können die Menschen auch länger arbeiten. Das gelingt schon jetzt: Die Erwerbstätigenquote der Personen im Alter zwischen 55 und 64 Jahren steigt kontinuierlich. „Auch wenn es bislang kaum tödliche Atemschutzunfälle in der EU gab bzw. sie nicht registriert worden sind, weil keine konkrete Meldepflicht besteht, so geschehen trotzdem immer wieder schwere Unfälle“, sagt Dr. Adrian Ridder, MIFireE-Member, Teammitglied von atemschutzunfaelle.eu und stellvertretender Abteilungsleiter Vorbeugender Brand- und Gefahrenschutz bei der Feuerwehr Düsseldorf. Aktuell sieht Ridder die Herausforderungen vor allem auf der technischen Ebene. Entsprechend der neuen internationalen Norm ISO 17420-1 und -2 müssen alle Atemschutzgeräte mit Überdruck funktionieren. Auch wenn die meisten bereits mit solchen Geräten arbeiten, so sind es noch nicht alle. Außerdem werden gezielte Schulungen im Umgang mit den neuen Geräten dringend angeraten.
Atemschutznotfalltrainings können bei der Prävention von Unfällen helfen bzw. bei Unfällen dafür sorgen, dass den Beteiligten optimal geholfen und sie schnellstens versorgt werden. Auch in die Digitalisierung setzt man bei diesem Thema große Hoffnung. Eine Überwachung kann über mobile und/oder vernetzte Gasmessgeräte verbessert werden. Ortungssysteme können dabei helfen, den Rettungstrupp oder einzelne Mannschaftsmitglieder besser zu lokalisieren. Sensoren in den Ausrüstungen sind in der Lage, Vitalparameter zu übermitteln und übertragen. „Allerdings gestaltet sich die Umsetzung nicht ganz einfach“, sagt Fiedler. „Die Herausforderung liegt vor allem in stabilen Signalen. Außerdem muss man beispielsweise bei den Vitalparametern genau wissen, was man mit den Signalen anfängt.“ Blutdruckwerte, Puls und Körpertemperatur variieren stark und wirken sich bei jedem Menschen anders aus.

Nach dem Einsatz ist vor dem Einsatz

„Nach jedem Atemschutzeinsatz sind die Kameraden mit Schadstoffen beaufschlagt“, sagt Armin Wernick, Betriebsfeuerwehr Messe Düsseldorf. Deshalb beschäftigt sich die Konferenz für Feuerwehr, Rettungsorganisationen und Industrie neben Atemschutzgeräte auch mit Einsatzstellenhygiene. „Lange galt, je schwärzer der Helm, desto erfahrener der Mann“, sagt Marcus Bätge. Er ist Geschäftsführer der Gesellschaft FeuerKrebs, die sich für die Förderung und nachhaltigen Verbesserung der Gesundheits- und Arbeitsbedingungen von Feuerwehrleuten einsetzt. Doch bei allem Stolz auf den rußschwarzen Helm, wächst das Bewusstsein für die Hygiene nach dem Einsatz, stellt der Feuerwehrmann fest. Denn Rauch, Gase und Mikropartikel können ein erhebliches Gesundheitsrisiko bedeuten. Mittlerweile ist durch Studien aus den USA und Kanada bekannt, dass Feuerwehrleute ein erhöhtes Krebsrisiko haben. „Es gilt, sich nach dem Einsatz so schnell wie möglich seiner Schutzausrüstung zu entledigen und am besten zu duschen.“ Denn die Partikel verteilen sich überall – im Auto, im Mannschaftszimmer und zu Hause. Dort können sie auch Familie und Freunde schädigen. Besonders gefährdet ist aber der Kamerad selbst, weil Schadstoffe über die Poren aufgenommen werden können, wenn der Schweiß nach vollbrachter Arbeit getrocknet ist. Und das gilt auch für den Einsatzleiter, sobald er einmal in Rauch gehüllt gestanden hat.

Eine Lösung ist die Schwarzweiß-Trennung, wie sie beispielsweise die dänische Firma Viking mit dem Guardian-Schutzanzug entwickelt hat. Über ein Reißverschlusssystem kann man die Außenschicht von Jacke und Hose vom Futter trennen. Nach dem Einsatz wird sie in einem wasserlöslichen Beutel verstaut. So kommen auch die Mitarbeiter der Reinigungsfirmen nicht mit den genutzten Teilen in Kontakt.
Als ein Vorreiter wird immer wieder die Feuerwehr Mannheim erwähnt, die mit einem Dusch- und einem Dekontaminationswagen zum Einsatzort fährt. Nach der Löschaktion entkleiden sich die Retter systematisch, die Ausrüstung wird in Plastiksäcke gepackt und mit Gerätschaften wie Atemschutzgerät, Kameras, Handscheinwerfer etc. ins Dekontaminationsfahrzeug geladen. Die Mannschaft duscht und zieht dann für den Heimweg die mitgeführte saubere Wechselwäsche an.
Zurzeit wird an allen Fronten gearbeitet, um das Thema noch präsenter zu machen und an fortschrittlichen Lösungen zu arbeiten. Marcus Bätge tourt mit Vorträgen durch ganz Deutschland und verbreitet Informationen und neue Erkenntnisse über Facebook, um möglichst viele Menschen zu erreichen. „Betroffene müssen beim Thema Hygiene ihre Verhaltensweisen ändern und Eigenverantwortung übernehmen. Auch ein Schwelbrand verlangt eine gewisse Ausrüstung und gegessen werden sollte erst nach gründlicher Dusche und Reinigung“, nennt der erfahrene Feuerwehrmann zwei Beispiel aus dem Alltag.

Mit Eigenverantwortung und optimiertem Schutz

Die Hersteller machen sich ebenfalls viele Gedanken und leisten Entwicklungsarbeit zu Ausrüstungen, die nicht so viel Schmutz aufnehmen und sich leicht waschen lassen. Sie realisieren alternative Konzepte, um beispielsweise das Bündchen als Eintrittspforten für Schadstoffe zu optimieren. Zum effizienten Verschließen der Bekleidungsöffnungen hat der Heinsberger Schutzkleidungsanbieter S-Gard einen Schutzanzug und eine Flammschutzhaube mit Nano-Partikelsperren lanciert, um auch feinste Rußpartikel von der Haut fernzuhalten. Alle Öffnungen – am Hals, an den Ärmeln, im Bund und an den Hosenbeinen – sind partikeldicht mit elastischen Bündchen, beziehungsweise einer Schürze aus Nomex® Nano Flex-Material von DuPont™ verschlossen. Die neueste Produktinnovation von W.L. Gore & Associates kombiniert dauerhafte Wasserdichtigkeit und Atmungsaktivität von GORE-TEX Produkten mit dem Schutz vor durch Blut übertragbaren Krankheitserregern. Der war bis dato ausschließlich bei GORE® CROSSTECH® Produkten gegeben.
Wäschereien verändern ihre Reinigungsverfahren über den Einsatz von CO2, das aufgrund seiner 10-fach geringeren Viskosität im Vergleich zu Wasser viel besser durch die Faserstrukturen und Membrane gelangen kann, um toxische Substanzen zu lösen, ohne die Faser zu schädigen. Für den Reinigungsprozess wird das CO2 unter Druck verflüssigt. Am Ende wird es wieder in einen gasförmigen Zustand versetzt. Nach Öffnen der Trommeltür verflüchtigt sich das Gas und die Kleidung ist innerhalb kürzester Zeit trocken – insgesamt ein Verfahren, das nicht nur die Dekontamination und Sauberkeit, sondern auch die Langlebigkeit der Textilien und den Erhalt der Schutzfunktion fördert.
Vielleicht ist das in Zeiten, in denen Nachhaltigkeit und die Schonung von Ressourcen ein allgegenwärtiges grundlegendes Thema ist, eine gute Lösung, um gefährdete Feuerwehrleute, Rettungskräfte und Arbeitnehmer in der Industrie besser zu schützen. Denn Einweganzüge bzw. Einwegschutzgeräte wie es sie in der Chemie-Industrie gibt und wie sie teilweise auch im Bereich der Feuerwehr gewünscht werden, um die Hygiene zu verbessern, sind dann vielleicht nur noch in besonderen Fällen oder gar nicht mehr nötig.

Die aktuellen Trends bekommen die Fachbesucher bei der A+A 2019 in Düsseldorf vom 5. – 8. November präsentiert.

Informationen zur A+A 2019 und ihren Ausstellern online: http://www.AplusA.de

Autorenhinweis: Kirsten Rein, freie Fachjournalistin für Mode und technische Textilien (Frankfurt a. M.)