A+A 2019: Ergonomie am Arbeitsplatz – gesund und wirtschaftlich

Menschen, die sich an ihren Arbeitsplätzen wohlfühlen, gehen zumeist mit einer positiven Einstellung und motiviert an ihre Aufgaben. Zufriedene Teams zeichnen sich durch eine bessere Arbeitsqualität aus und erreichen schneller und effektiver ihre Ziele. Eine ergonomisch gestaltete Büroausstattung und optimierte Arbeitsprozesse tragen wesentlich zu Wohlbefinden im Berufsalltag bei. Neueste Trends, innovative Produkte und Methoden zeigen die Präsentationen der diesjährigen A+A, der internationalen Fachmesse mit Kongress für persönlichen Schutz, betriebliche Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit in Düsseldorf. Auch aus unternehmerischer Sicht macht Ergonomie am Arbeitsplatz Sinn: Dadurch entstehen weniger Muskel-Skelett-Erkrankungen bei den Mitarbeitern und das ist gleichbedeutend mit weniger Ausfallzeiten und einer höheren Produktivität.

Ergonomische Sitz- und Arbeitsmöbel

Der Mensch in der modernen Gesellschaft ist zu einem meist sitzenden Menschen geworden. Unser Körper ist für dieses Dauersitzen aber nicht gemacht. Bei einer passiven Sitzhaltung erschlafft die Haltemuskulatur des Körpers, die Bandscheiben werden einseitig belastet. Verspannungen, Schmerzen, Entzündungen und Bewegungseinschränkungen sind die Folge. Weiterhin hat belastender Druck auf die Nerven negativen Einfluss auf die Verdauung, Atmung sowie Konzentration. Die Folge – das Wohlbefinden des Menschen nimmt ab, seine Leistungsfähigkeit sinkt.
„Wir brauchen deshalb Möbel, die den Körper in seiner gesunden Ausrichtung und mit einem Höchstmaß an Beweglichkeit unterstützen.“ sagt Malte Lenkeit, Ergonomieberater beim deutschen Bürositzmöbelhersteller Dauphin. “Bürostühle sollten die Wirbelsäule in ihrer natürlichen Doppel-S-Form halten und die aufrechte Haltung stützen – zum Beispiel durch eine automatische Neigung des Stuhloberteils und einem gleichbleibenden Gegendruck der Rückenlehne im Bewegungsablauf.“
Laut Untersuchungen der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) – veröffentlicht in ihrer Publikation „Arbeitswelt im Wandel“, Ausgabe 2018 – zählen Rückenleiden nach wie vor zu den häufigsten Beschwerden. Dabei gaben in der Erwerbstätigenumfrage deutlich mehr Frauen (63,5 Prozent) als Männer (39,7 Prozent) an, Schmerzen im Nacken- und Schulterbereich zu kennen. Beschwerden im unteren Rücken meldeten 51,4 Prozent der Frauen und 44 Prozent der Männer. Krankheiten des Muskel-Skelett-Systems sorgen laut dieser Untersuchung für 17,2 Milliarden Euro Produktionsausfall in Unternehmen. Folglich muss es im Interesse der Arbeitgeber sein, solchen Problemen vorzubeugen.
Dabei kann die AGR, Aktion Gesunder Rücken, behilflich sein. Sie ist zum ersten Mal auf der A+ A dabei und stellt ihr eigenes Gütesiegel ‚Geprüft & empfohlen‘ vor. „Es ist unabhängig und wird nur besonders rückenfreundlichen Produkten verliehen“, meint Detlef Detjen, Geschäftsführer der AGR. Auf der Messe in Düsseldorf steht das zertifizierte AGR-Konzept „Industriearbeitsplatz“ im Fokus, mit dem industrielle Arbeitsplätze an ergodynamische Anforderungen angepasst werden können.

Sicherheitsrisiken vermeiden

Während an Büroarbeitsplätzen viel gesessen wird, muss so mancher Arbeiter in der Montage oder im Versand oftmals mehr als sieben Stunden stehen. Das summiert sich auf über 1.800 Stunden im Jahr. Harte Böden verstärken dabei die körperliche Belastung durch einseitige Tätigkeiten, das erhöht die Belastung auf Gelenke und Menschen werden auf Dauer krank. Diskussionen um die Zukunft der Beschäftigung und den Arbeitsplatz 4.0 bedeuten, für jeden Menschen die optimalen Bedingungen zu schaffen. Eine davon ist das mobile Stehen. Dabei können zum Beispiel spezielle Bodenmatten unterstützend wirken. „Matten mit hoher Dämpfungseigenschaft schonen die Gelenke und senken gleichzeitig den Geräuschpegel. Hoher Bedarf besteht dafür beispielsweise in Logistikzentren oder in industriellen Trockenbereichen“, erläutert Martina Baumgärtner, Leiterin des Servicebüros Deutschland der Firma Ergomat, die Produkte für unterschiedliche Arbeitsbereiche und mit verschiedenen Funktionen produzieren. Manche Matten sind auf ihrer Oberfläche so beschaffen, dass auf Industriearbeitsplätzen Öl, Chemikalien, Späne oder andere Schmutzpartikel aufgefangen werden und Mitarbeiter nicht ausrutschen. Andere Produkte ruhen auf kleinen Stegen oder Saugnäpfen. Selbst wenn Flüssigkeiten auslaufen ist für sicheren Stand gesorgt, da diese durch die Erhöhungen abfließen können. Matten mit Farbbeschichtungen kennzeichnen Lauf- oder auch Gefahrenzonen in Produktionsbereichen oder Hallen. Auch das Thema maximale Helligkeit kann in fensterlosen Produktionsbereichen und Hallen mit silberbeschichteten Produkten angegangen werden, die drei Mal mehr Licht reflektieren als dunkle Matten.

Die Zukunft gehört den kollaborierenden Robotern

Industriearbeitsplätze setzen mehr und mehr auf den Kollegen Roboter, um dem Menschen belastende Arbeitsschritte wie das Heben schwerer Lasten oder Überkopf-Arbeit abzunehmen. Die Zukunft der Automatisierungsbranche gehört den kollaborierenden Robotern als Bindeglied zwischen einem reinen Arbeitsplatz eines Menschen und einer Vollautomation. „Speziell der Leistungs- und Kraftüberwachung kommt eine große Bedeutung zu“, erklärt Dr. Matthias Umbreit, Leiter der Abteilung Maschinen, Robotik und Holzverarbeitung bei der Berufsgenossenschaft Holz und Metall. „Eigens für die Mensch-Roboter-Kollaboration (MRK) konzipierte Roboter erkennen einen Kontakt des Roboters oder des Werkzeugs mit einer Person und können so den Roboter abschalten, bevor es zu einer Verletzung kommt“. Bislang haben MRK-Anlagen beispielsweise in der Automobil- und Zulieferindustrie, der Feinmechanik und elektrotechnischen Produktion oder in der chemischen und Kunststoffindustrie Einzug gehalten. Möglichkeiten des industriellen Einsatzes von Robotersystemen präsentiert die Firma Universal Robots, die zum ersten Mal auf der A+A präsent sein wird.

Arbeitsplätze gesund planen

Weil der Mensch von Natur aus nicht über Stunden konstant leistungsfähig ist, lohnt es sich, ihn ergonomisch zu unterstützen. Werden Arbeitsplätze entsprechend geplant und gestaltet, kann die Arbeitskraft gesteigert werden. Was das bedeutet, zeigt ein Rechenexempel: Schon ein Leistungsanstieg von fünf Prozent kann bei einem Mitarbeiter mit einem Bruttoverdienst von 3.000 Euro bedeuten, dass sich eine Investition von 1.500 Euro in einen ergonomisch gestalteten Arbeitsplatz innerhalb von zehn Monaten auszahlt. Wie notwendig ergonomische Verbesserungen sind, das lässt sich beispielsweise durch das Bewertungsverfahrens EAWS (Ergonomic Assessment Worksheet) ermitteln. Es wurde von der Deutschen MTM-Vereinigung e.V. entwickelt. Und so funktioniert die Methode: Bei der Ortsbegehung analysieren Experten den Arbeitsablauf an einem Arbeitsplatz. Dabei werden zum Beispiel statische Körperhaltungen, Kräfte, die auf den ganzen Körper, den Oberkörper oder die Finger wirken, erfasst. Ein Risikopunktwert kennzeichnet die Notwendigkeit für ergonomische Verbesserungen.
„Bei der Beschreibung von Abläufen hilft uns das Bausteinsystem MTM-HWD. HWD steht dabei für Human Work Design“, erklärt Dr. Thomas Finsterbusch, Leiter der MTM-Akademie. Mit Hilfe von Piktogrammen werden beispielsweise Bewegungen der Hände und der Arme sowie der Augen beschrieben. Dadurch lassen sich Prozesse hinsichtlich der ergonomischen Belastung bewerten – zum Beispiel, wenn ein Arbeiter seine Gelenke stark verdrehen muss.“ Am Messestand der MTM-Akademie auf der A+A 2019 wird nicht nur diese Technologie präsentiert. Ein Thema ist zudem die digitale Erfassung von Bewegungen (3D-Simulation und Motion Capture). Bei der Motion Capture liefern Sensoren an den einzelnen Extremitäten und im Bereich des Rumpfes eine Vielzahl von Daten. Mitarbeiter sehen anhand der ausgewerteten Informationen, welche Bewegungen den Risikowert erhöhen oder senken. Auf diese Weise werden sie direkt in den Prozess der Gestaltung gesünderer Arbeit einbezogen.

Offene Bürolandschaften – neue Anforderungen

Das 08/15-Büro gibt es heute nicht mehr. Das Deutsche Netzwerk Büro, das als Verein eingebunden ist in die Initiative Neue Qualität der Arbeit (INQA) des Bundesarbeitsministeriums, widmet sich auf dem A+A-Kongress dem Thema „Offene Bürolandschaften“. Diese sind zum Beispiel im Startup-Bereich oder in der Kreativwirtschaft beliebt. „Die Beschäftigten haben eine Auswahl an Arbeitsorten für unterschiedliche Aufgaben, die entweder hohe Konzentration oder den persönlichen Austausch erfordern. Daher arbeiten sie nur zeitweise am gleichen Arbeitsplatz. Das erfordert eine an die Bedürfnisse angepasste Gestaltung“, sagt David Wiechmann, Vorsitzender des Deutschen Netzwerk Büro. So sollten Tische, die sich beim sogenannten ‚Desksharing‘ mehrere Mitarbeiter teilen, möglichst elektronisch höhenverstellbar sein und ein Display zur genauen Höheneinstellung besitzen. Stühle haben im Optimalfall eine automatische Gewichtserkennung. Alles sollte möglichst intuitiv einstellbar sein. Wichtige Hinweise – von der ersten Idee für ein nachhaltiges Bürokonzept bis zur Gestaltung der Arbeitsumgebung – liefert die Publikation „Büroraumplanung – Hilfen für das systematische Planen und Gestalten von Büros“ der DGUV, Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung. Sie ist mit einem Gemeinschaftsstand auf der A+A 2019 präsent, zu dem auch das Institut für Arbeitsschutz der DGUV (IFA) sowie die Berufsgenossenschaften und Unfallkassen gehören.

Raumklima – Faktor mit wachsender Bedeutung

Eine immer größere Bedeutung für den Arbeits- und Gesundheitsschutz gewinnt das Thema Raumklima. „Optimal ist eine relative Luftfeuchtigkeit von 40 bis 50 Prozent“, weiß Dominic Giesel, Marketingleiter von Condair Systems. „Durch eine relative Luftfeuchtigkeit von unter 40 Prozent bleiben Viren stundenlang aktiv und verteilen sich im ganzen Gebäude – die Infektionsgefahr wächst.“ Im Winter sinkt in vielen Büros die relative Luftfeuchtigkeit auf manchmal bis zu 10 Prozent. Ist die Luft zu trocken, trocknen die Schleimhäute aus, die Augen brennen und die Stimme versagt.
Direktraumbefeuchtung ist heute in allen Gebäuden möglich – in Neu-und Altbauten, in großen wie in kleinen Räumen. Über handgroße und an das Wassernetz angeschlossene Systeme wird über eine Düse hygienisch aufbereitetes Wasser als sichtbarer Nebel direkt im Raum versprüht. Geeignet ist dieses Verfahren für Großräume wie open space-Arbeitsbereiche, beispielsweise bei Versicherungen oder Callcentern. Hier gibt es einen hohen Bedarf an Feuchtigkeit, da viel gesprochen wird und der Stimmapparat Feuchtigkeit braucht. Bei Berufen, in denen Menschen viel am Bildschirm sitzen, ist es ähnlich. Trockene Luft lässt den Tränenfilm schmelzen und die Gefahr von Bindehautentzündungen wächst. Laut Untersuchungen der Barmer Ersatzkasse leiden rund acht Millionen Menschen unter dem Krankheitsbild des sogenannten „Office-Eye-Syndrom“.
Entsprechend einer Studie des Fraunhofer Instituts „Luftfeuchtigkeit am Büroarbeitsplatz“ aus dem Jahr 2014 wird die Befeuchtung von Raumluft mittels sehr feiner Aerosole, die sichtbar und auch im Umfeld der Befeuchter spürbar sind, als positiv empfunden. 38,5 Prozent der Befragten begrüßten dies und empfanden das Raumklima als erfrischend und leistungssteigernd. Im Industriebereich unterstützt eine optimale Luftfeuchtigkeit dabei, Qualität zu sichern. Sie trägt beispielsweise zur Vermeidung von elektrostatischer Aufladung bei, was unter anderem für die Elektronikindustrie wichtig ist. „Noch gibt es keine gesetzlichen Regelungen zum Thema Luftfeuchtigkeit“, weiß Giesel. „Durch die wachsende Bedeutung des betrieblichen Gesundheitsmanagements rückt die Bedeutung der Luftfeuchtigkeit aber mehr und mehr ins Bewusstsein.“ Auf der A+A werden Lösungen wie z.B. die Direktraumbefeuchtung von Condair vorgestellt.

Autorenhinweis: Gabriele Brähler, freie Fachjournalistin (Berlin)