12.06.2019

Sucht 4.0: Gravierende Folgen für die Arbeitswelt

DAK-Gesundheitsreport: Millionen Erwerbstätige haben Probleme durch
Alkohol und Computerspiele. Kasse fordert Werbeverbot für E-Zigaretten.

Trinken, Dampfen, Gamen - das Suchtrisiko von Millionen Beschäftigten hat
gravierende Folgen für die Arbeitswelt. Der Krankenstand bei betroffenen
Erwerbstätigen ist doppelt so hoch. Ferner sind sie häufig unkonzentrierter
im Job oder kommen zu spät. Das zeigt der aktuelle DAK-Gesundheitsreport
"Sucht 4.0". Nach der repräsentativen Studie hat jeder zehnte Arbeitnehmer
einen riskanten Alkoholkonsum - hochgerechnet betrifft das vier Millionen
Menschen. Erstmals untersucht der Report das Thema Computerspielsucht in der
Arbeitswelt. Ergebnis: Rund 2,6 Millionen Erwerbstätige haben ein riskantes
Nutzungsverhalten. "Auf Grundlage der Ergebnisse brauchen wir eine breite
gesellschaftliche Debatte zur Suchtproblematik", sagt Andreas Storm,Vorstands-
chef der DAK-Gesundheit. "Wir fordern ein umfassendes Werbeverbot für Tabak
und E-Zigaretten." Die Kasse startet auch ein neues Präventionsangebot bei
Alkoholproblemen.

Laut DAK-Gesundheitsreport 2019 fehlen Arbeitnehmer mit Hinweisen auf eine so
genannte Substanzstörung deutlich öfter im Job als ihre Kollegen ohne auffällige
Probleme. Der Krankenstand der Betroffenen ist mit 7,6 Prozent doppelt so hoch.
Sie fehlen aber nicht öfter im Job, weil sie wegen ihrer Suchtproblematik krank-
geschrieben werden. Vielmehr zeigen sich bei ihnen in allen Diagnosegruppen mehr
Fehltage. Besonders deutlich ist der Unterschied bei den psychischen Leiden.
Hier sind es mehr als dreimal so viele Fehltage. Bei Muskel-Skelett-Erkrankungen
wie Rückenschmerzen gibt es ein Plus von 89 Prozent, bei Atemwegserkrankungen
sind es 52 Prozent. Insgesamt gibt es nach der DAK-Studie unter den Erwerbs-
tätigen 6,5 Millionen abhängige Raucher, 400.000 erfüllen die Kriterien einer
Internet Gaming Disorder (Computerspielsucht), 160.000 Erwerbstätige sind
alkoholabhängig.

Der Großteil der direkten Krankmeldungen bei Suchtproblemen ist auf Alkohol
zurückzuführen (74 Prozent). Laut Studie der DAK-Gesundheit hat jeder zehnte
Arbeitnehmer in Deutschland einen riskanten Alkoholkonsum. Damit setzen sich rund
vier Millionen Erwerbstätige mit ihrem Trinkverhalten Risiken aus, krank oder
abhängig zu werden. "Die hohe Zahl der Betroffenen ist alarmierend. Der riskante
Umgang mit Alkohol bleibt ein zentrales Problem in unserer Gesellschaft, das
auch gravierende Folgen in der Arbeitswelt hat", sagt der Vorstandsvorsitzende
der DAK-Gesundheit Andreas Storm. "Sucht ist eine Krankheit, die jeden treffen
kann. Wir wollen eine breite und offene Debatte anstoßen. Wir müssen hinsehen,
hinhören und handeln, um Betroffene nicht allein zu lassen. Ist es Genuss,
Gewohnheit oder bereits Sucht?" Beim Thema Alkoholprävention fehlen flächen-
deckende und wirksame Angebote. Die DAK-Gesundheit schließt diese Versorgungs-
lücke ab sofort mit einem neuen Online-Selbsthilfeprogramm bei Alkoholproblemen.

Besonders junge Erwerbstätige trinken riskant: Jeder Sechste zwischen 18 und 29
Jahren ist betroffen. Der Anteil der Beschäftigten dieser Altersgruppe mit
riskantem Alkoholkonsum ist fast doppelt so groß wie unter den 40- bis 49-Jährigen.
Insgesamt verdeutlicht die Beschäftigtenbefragung im Rahmen des DAK-Reports auch
mögliche arbeitsbedingte Risikofaktoren für den Umgang mit Alkohol: So ist der
Anteil der Beschäftigten mit einem Alkoholproblem größer, je häufiger sie an
der Grenze der Leistungsfähigkeit gearbeitet haben. Auch starker Termin- und
Leistungsdruck sowie emotional belastende Situationen bei der Arbeit werden als
mögliche Risikofaktoren für einen erhöhten Alkoholkonsum genannt. "Sucht betrifft
alle Bereiche unseres Lebens und damit auch stark das Berufsleben", betont die
Bundesdrogenbeauftragte Marlene Mortler. "Umso wichtiger ist es, dass auch
Arbeitgeber offen mit dem Thema Sucht umgehen. Sie müssen ihrer Fürsorgepflicht
gerecht werden und Mitarbeiter frühzeitig ansprechen und Hilfe anbieten."

Die Analyse zeigt die Folgen des Trinkverhaltens für die Arbeitswelt. Je höher
der Alkoholkonsum, desto gravierender sind die Auswirkungen:
• Jeder neunte Arbeitnehmer mit riskantem Trinkverhalten gibt an, in den
letzten drei Monaten wegen Alkohol abgelenkt oder unkonzentriert bei der Arbeit
gewesen zu sein. Bei Erwerbstätigen mit einer möglichen Alkoholabhängigkeit
sagt dies fast jeder Zweite (47,3 Prozent).
• 6,8 Prozent der Beschäftigten mit riskantem Alkoholkonsum geben an, deshalb
zu spät zur Arbeit gekommen zu sein oder früher Feierabend gemacht zu haben.
Bei Beschäftigten mit einer möglichen Alkoholabhängigkeit sind es 27,2 Prozent.
• 3,8 Prozent der Beschäftigten mit riskantem Alkoholkonsum trinken nach
eigenen Angaben Alkohol auch mehrmals pro Monat oder häufiger bei der Arbeit.
Bei Beschäftigten mit einer möglichen Abhängigkeit sind es 17,2 Prozent.
• Bei 1,4 Prozent der Arbeitnehmer mit riskantem Trinkverhalten hat ihr
Alkoholkonsum nach eigenen Angaben eine Rolle für eine oder mehrere
Krankmeldungen innerhalb des vergangenen Jahres gespielt. Bei Beschäftigten mit
einer möglichen Alkoholabhängigkeit sind es 7,2 Prozent.

Erstmals untersucht der Report auch das Thema Gaming und seine Auswirkungen auf
die Arbeitswelt. Demnach spielt mehr als jeder zweite Erwerbstätige (56,1 Prozent)
Computerspiele. 6,5 Prozent der Erwerbstätigen in Deutschland gelten als riskante
Gamer. Das heißt: 2,6 Millionen Beschäftigte zeigen auffälliges Nutzungsverhalten.
Jeder Vierte von ihnen spielt auch während seiner Arbeitszeit. Vor allem junge
Erwerbstätige zwischen 18 und 29 Jahren sowie Männer sind laut DAK-Report riskante
Computerspieler (11,6 Prozent und 8,5 Prozent).

Auch das Gamen beeinflusst die Arbeitswelt und die Gesundheit stark:
• Jeder vierte Arbeitnehmer mit riskantem Spielverhalten gibt an, während der
Arbeitszeit Computerspiele zu spielen. Bei Erwerbstätigen mit
Computerspielsucht sagt das fast jeder Zweite.
• Etwa jeder zehnte Arbeitnehmer mit riskantem Spielverhalten (9,4 Prozent) war
in den letzten drei Monaten nach eigenen Angaben wegen des Computerspielens
abgelenkt oder unkonzentriert bei der Arbeit. Bei Erwerbstätigen mit einer
Computerspielsucht betrifft dies mehr als jeden Dritten (34,1 Prozent).
• 8,6 Prozent der riskanten Gamer kamen wegen ihres Spielens zu spät zur Arbeit
oder machten deshalb früher Feierabend. Bei computerspielsüchtigen
Beschäftigten sind es 24,8 Prozent.
• Bei 0,7 Prozent der Arbeitnehmer mit riskantem Spielverhalten hat das Spielen
eine Rolle für eine oder mehrere Krankmeldungen innerhalb des vergangenen
Jahres gespielt. Bei süchtigen Beschäftigten sind es 9,7 Prozent.

Das Rauchen von Zigaretten ist laut DAK-Report die verbreitetste Sucht, die auch
die Arbeitswelt betrifft. 22 Prozent der Erwerbstätigen greifen zum Glimmstängel.
Unter den jungen Erwerbstätigen zwischen 18 und 29 Jahren gibt es mit 16,3 Prozent
den geringsten Anteil. Bei den 60- bis 65-jährigen Berufstätigen raucht fast
jeder Vierte (23,7 Prozent). Fast jeder zweite Raucher raucht auch während seiner
Arbeitszeit, also außerhalb der Arbeitspausen.

Derzeit dampfen rund fünf Prozent der Erwerbstätigen in Deutschland E-Zigarette.
Diese Quote ist über alle Altersgruppen hinweg in etwa gleich. Raucher von E-
Zigaretten greifen oft parallel zur herkömmlichen Zigarette, belegt der DAK-Report.
Dampfer finden sich deshalb fast ausschließlich unter Rauchern und Ex-Rauchern.
Mit 85 Prozent konsumiert die deutliche Mehrheit der Dampfer Liquid mit Nikotin.
"Dampfen mit Nikotin oder Tabak führt in die Abhängigkeit, genau wie herkömmliche
Zigaretten", warnt Andreas Storm. "Deshalb brauchen wir endlich ein umfassendes
Werbeverbot für Tabak, Zigaretten und E-Zigaretten. Diese Forderung unterstützt
auch die Fachgesellschaft der Lungenärzte mit Hinweis auf die Gesundheitsrisiken.
Weil E-Zigaretten gesundheitsgefährdende Suchtmittel sind, dürfen sie nicht vom
geplanten Tabakwerbeverbot der Bundesregierung ausgenommen werden."

Mit Blick auf die Ergebnisse des Reports bietet die DAK-Gesundheit ab sofort ein
neues präventiv ansetzendes Hilfsangebot bei Alkoholproblemen an - und schließt
damit eine Versorgungslücke in Deutschland. Bislang fehlen flächendeckende und
wirksame Angebote. Versicherte der Krankenkasse können das kostenlose Online-
Coaching "Vorvida" nutzen, um ihren Alkoholkonsum zu reduzieren. Eine aktuelle
wissenschaftliche Untersuchung des Universitätsklinikums Hamburg Eppendorf (UKE)
belegt die Wirksamkeit: Bei den Teilnehmern sank das riskante Trinkverhalten um
bis zu 75 Prozent. Die DAK-Gesundheit ist die erste Krankenkasse, die das
Programm der Hamburger GAIA AG ihren Versicherten anbietet. Das Online-Coaching
"Vorvida" ist auf Smartphones und Tablets mobil voll nutzbar. Es kann auch über
die digitale Gesundheitsplattform "Vivy" genutzt werden. Alle Daten werden
vertraulich behandelt und nicht weitergegeben.

Zum Online-Coaching "Vorvida"


AplusA-online.de - Quelle: DAK-Gesundheit