19/02/2019

Neue Studie: Für die Firma erreichbar nach Feierabend? Das belastet oft auch die Partnerschaft

Viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sind nach Feierabend oder am
Wochenende für ihr Unternehmen erreichbar. Wer in der Freizeit arbeitet, ist
sehr oft weniger zufrieden mit der Work-Life Balance. Die leidet vor allem,
wenn Beschäftigte den Druck verspüren, erreichbar sein zu müssen. Doch selbst
in den Fällen, in denen Beschäftigte die Arbeit in ihrer Freizeit als
"freiwillig" und als nicht problematisch empfinden, kann sie zur Belastung für
die ganze Familie werden. Denn auch beim Partner oder der Partnerin steigt die
Unzufriedenheit. Das ist das Ergebnis einer Studie von Dr. Yvonne Lott,
Forscherin des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der
Hans-Böckler-Stiftung. Die Analyse beruht auf Daten aus Pairfam, einer
jährlichen Umfrage zu den Themen Partnerschaft und Familie. Ausgewertet wurden
die Angaben von 790 Paaren, bei denen jeweils beide Partner im Jahr 2016
berufstätig waren.

Viele der Befragten sind regelmäßig in ihrer Freizeit erreichbar und beantworten
Mails oder Anrufe. Es trifft oft diejenigen, die in der Hierarchie entweder
weit oben oder ganz unten stehen: Der Analyse zufolge sind etwa 36 Prozent der
leitenden Angestellten in den beobachteten Paaren mit arbeitsbezogenen
Nachrichten in der Freizeit befasst. Unter den einfachen Arbeitern sind es sogar
38 Prozent. Nicht immer geschieht das aus freien Stücken. Sowohl unter den
leitenden Angestellten als auch unter den einfachen Arbeitern geben rund 18 Prozent
an, dass sie nach Feierabend verfügbar sein müssen oder sich zumindest dazu
verpflichtet fühlen.

Dabei darf man nicht übersehen: Wie belastend Arbeit außerhalb der regulären
Arbeitszeit empfunden wird, kann sehr unterschiedlich sein. In der Regel sind
es die Manager, die Arbeitsaufträge erteilen und Aufgaben delegieren. Umgekehrt
sind die einfachen Arbeiter gewöhnlich diejenigen, die Aufträge empfangen - ein
Gefühl fehlender Autonomie und Kontrolle kann bei ihnen die Unzufriedenheit mit
der Work-Life Balance verstärken, besonders wenn sie damit am Feierabend
konfrontiert sind. Ein Grund für die geringere Zufriedenheit: Den Befragten
fällt es oft schwerer, von der Arbeit abzuschalten oder sich Zeit für
Freizeitaktivitäten zu nehmen.

Interessanterweise sind diejenigen, die in der Freizeit arbeiten, vor allem
dann unzufrieden, wenn sie das Gefühl haben, sie müssten erreichbar sein. Auf
einer Skala, bei der 0 für minimale und 10 für maximale Zufriedenheit mit der
Vereinbarkeit von Job und Privatleben steht, erreichen Beschäftigte mit
Firmenkontakt in der Freizeit lediglich den mittleren Wert 5,08, wenn sie
glauben, zur Erreichbarkeit verpflichtet zu sein. Bei denen, die in der
Freizeit grundsätzlich keinen Kontakt mit dem Unternehmen haben, liegt der
Mittelwert dagegen bei 6,25. "Mehr als ein Punkt auf der Skala, das ist ein
großer Unterschied durch einen einzelnen Faktor. Denn generell ordnen sich die
meisten Probanden bei Befragungen zur Zufriedenheit sehr stabil ein Stück
oberhalb der Mitte ein. Das Gefühl, nie ganz abschalten zu dürfen, stellt also
eine erhebliche Einschränkung der Lebensqualität dar", erklärt Forscherin Lott.

Beschäftigte, die nach Feierabend das Smartphone auf berufliche Nachrichten
checken, aber das nach eigenem Empfinden nicht tun müssten, liegen in ihrer
mittleren Zufriedenheit mit 6,11 näher an der Gruppe ohne Kontakt zur Arbeit,
sind also vergleichsweise wenig gestresst. Dieses Verhalten wird in der
Gesundheitsforschung auch als "interessierte Selbstgefährdung" bezeichnet,
schreibt Lott. Die Betroffenen hätten vor allem ihren beruflichen Erfolg im
Blick, merken dabei aber nicht oder ignorieren, dass ihr Arbeitsverhalten
belastend für die Gesundheit sein kann.

Für den Partner oder die Partnerin ist es hingegen völlig egal, warum die oder
der andere Mails beantwortet und Anrufe entgegen nimmt. Die Tatsache, dass er
oder sie in der Freizeit arbeitet, senkt bei Partnerin oder Partner die
Zufriedenheit mit der eigenen Work-Life-Balance, wie die Analyse zeigt.
Die Verschlechterung liegt bei fast einem halben Punkt auf der Skala zwischen
0 und 10. Auch das ist ein statistisch signifikanter Effekt, betont die WSI-
Forscherin - und ein deutliches Indiz dafür, dass mobile Arbeit in der Freizeit
die Partnerschaft belasten kann.

Zum Working Paper


AplusA-online.de - Quelle: Hans-Böckler-Stiftung