Passform, Vielfalt und Trageakzeptanz
A+A: In vielen Branchen wird beklagt, dass PSA nicht richtig sitzt, besonders bei Frauen, aber auch bei Menschen mit sehr kleinen oder großen Größen, besonderen Körperformen oder körperlichen Einschränkungen. Welche Bedeutung hat dieses Thema aus rechtlicher Sicht? Gibt es bereits normative oder haftungsrechtliche Anforderungen, die eine passformsichere Ausstattung verlangen?
Thomas Lange: Ja, diese Anforderungen sind bereits heute relevant. Wenn PSA nicht passt, erfüllt sie ihren Zweck nicht – und das kann haftungsrechtliche Folgen haben. Arbeitgeber sind verpflichtet, die Eignung individuell sicherzustellen. Das bedeutet: Eine Standardgröße reicht nicht aus, wenn sie nicht sitzt. Auch die Normen – etwa DIN EN ISO 13688 – fordern eine geeignete Passform. In der Praxis heißt das: Es muss in die Vielfalt investiert werden. Nur so lassen sich rechtliche Risiken, aber auch Unfälle und Unzufriedenheit vermeiden.
PSA zwischen Funktion und Modetren
A+A: Der Utility-Look ist bei der Gen Z sehr beliebt. Wo ziehen Sie die Grenze zwischen modisch inspirierter Workwear und rechtlich zulassungspflichtiger PSA? Gibt es Beispiele, bei denen diese Vermischung riskant ist?
Thomas Lange: Die Grenze liegt ganz klar in der Schutzfunktion. Sobald ein Kleidungsstück eine Schutzfunktion beansprucht – etwa gegen Hitze, Chemikalien oder mechanische Risiken – muss es zertifiziert sein. Insbesondere bei dem höchsten Schutz, wo es um Leib und Leben geht, steht Sicherheit natürlich vor Trendbewusstsein.
A+A: Wie sensibel müssen Unternehmen werden, wenn modische Trends plötzlich sicherheitsrelevante Kleidung optisch imitieren, aber keine Schutzfunktion bieten?
Thomas Lange: Sehr sensibel. Die optische Imitation kann dazu führen, dass Mitarbeitende oder Dritte eine falsche Sicherheit erwarten. Auch hier besteht eine Haftungsgefahr. Unternehmen sollten genau dokumen-tieren und kommunizieren, welche Kleidungsstücke PSA sind – und welche nicht. Eine klare Abgrenzung ist unerlässlich, insbesondere wenn im gleichen Betrieb sowohl modisch inspirierte Workwear als auch echte PSA getragen wird.
Nachhaltigkeit und Zukunftsperspektiven
A+A: Die Branche spricht immer mehr von Recyclingfähigkeit, Transparenz und Nachhaltigkeit. Wie stark beeinflusst das auch PSA-Produkte und was müssen Unternehmen in diesem Zusammenhang konkret be-achten?
Thomas Lange: Nachhaltigkeit ist für die Unternehmen der PSA-Branche längst in ihren Abläufen verankert. Jedoch ist Bedarf bei dem Punkt, dass bei PSA immer die Sicherheit des Nutzers an oberster Stelle stehen sollte.
A+A: Wenn Sie im PSA-System einen Hebel betätigen könnten, etwa bei Normen, Schulungen oder Produktdesign, was würden Sie ändern, damit PSA nicht nur schützt, sondern auch in Passform, Komfort und Design den Bedürfnissen der Träger:innen besser gerecht wird?
Thomas Lange: Die Verantwortung des Herstellers für sein Produkt sollte ernst genommen und nicht gleichzeitig mit Bevormundung der Behörden und Zertifizierungsstellen in Frage gestellt werden. Es kann nicht sein, dass Hersteller – zu Recht – in die Produktverantwortung genommen werden, aber andererseits nicht frei entscheiden können, wie sie ihr Produkt bewerben und vermarkten.