13.12.2017

Nachlese der Fachtagung der Feuerwehr-Unfallkassen : Sicherheit 4.0 oder Himmelfahrtskommando?

Krebsrisiko, Dreck, Atemschutzunfälle, Gefährdungen, psychische Belastungen,
Terrorismus, Eignung, Feuerwehr 4.0: Entwickelt sich die Feuerwehr zu einer Art
Himmelfahrtskommando? Die Themenauswahl für das siebte Forum "Sicherheit" der
Feuerwehr-Unfallkassen war offensichtlich ein Treffer ins Schwarze.Die
verschiedenen Beiträge er Fachtagung spiegeln wichtige Themen der Gegenwart und
Zukunft im Bereich der Sicherheit und Gesundheit im Feuerwehrdienst wider: Der
Einsatz der Feuerwehr ist gefahrvoll und wird es auch bleiben! Zudem kommen
neue Gefahren hinzu, worauf es sich vorzubereiten gilt.

Es sei wichtig, in regelmäßigen Abständen eine Standortbestimmung für die
Sicherheit und Gesundheit der Feuerwehrangehörigen vorzunehmen, unterstrich die
Geschäftsführerin der Feuerwehr-Unfallkasse Mitte, Iris Petzoldt, Erfurt, bei
ihrer Begrüßung. Sicherheit der Einsatzkräfte gehöre immer in den Vordergrund
und immer auf die Tagesordnung. Auch wenn Sicherheit viel Geld koste, müsse sie
es dem Staat wert sein. Tue er dies nicht, ginge Vertrauen unweigerlich und
unwiederbringlich verloren.

Feuerwehr muss weiter digitalisieren
Dirk Aschenbrenner, Direktor der Feuerwehr Dortmund, stellte den Teilnehmenden
unter der Überschrift "Feuerwehr 4.0" die Frage, welche Herausforderungen die
Feuerwehren zu erwarten hätten. Damit legte Aschenbrenner bewusst einen Finger
in "die Wunde" der Feuerwehrzukunft. Wie könne die sich in allen
Lebensbereichen abzeichnende Digitalisierung (Umstellung auf BOS-Digitalfunk,
Industrie 4.0) in der Feuerwehr für den Brandschutz und die Gefahrenabwehr
umgesetzt werden. Welche neuen Anforderungen werden auf Ausbildung und
Feuerwehrführung zukommen? Anhand ausgewählter Forschungsprojekte zeigte
Aschenbrenner mögliche Entwicklungen auf und benannte relevante
Digitalisierungsparameter.

Atemschutzunfälle unter der Lupe
Dipl.-Ing. Jürgen Kalweit, leitende Aufsichtsperson der HFUK Nord, berichtete
über die Untersuchung von Atemschutzunfällen, die gewonnenen Erkenntnisse und
die Ableitungen für die Unfallverhütung. Das Unfallgeschehen der letzten Jahre
erfordere weiter höchste Aufmerksamkeit. Dabei stehe nicht nur die
Atemschutztechnik im Fokus der Unfallermittlungen. Vielmehr stünden auch Fragen
der Ausbildung, des Trainings und des Verhaltens an der Einsatzstelle im
Mittelpunkt.

Mit Laser zur Menschenrettung vor!
Löst irgendwann die Lasertechnik die hydraulischen Rettungsgeräte in der
Unfallrettung ab? Dr. Stefan Kaierle vom Laser Zentrum Hannover meinte, dass
mittelfristig einiges dafür spreche - auch bei den Freiwilligen Feuerwehren.
Die konventionellen Rettungsmittel würden bei modernen Werkstoffen wie
höchstfeste Stähle oder Kohlenfaserverbundwerkstoffen immer öfter an die
Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit stoßen. Mit dem Verbund-Forschungsprojekt
"LaserRettung" soll die Entwicklung eines Rettungssystems erfolgen, das
Einsatzkräfte in die Lage versetzt, Fahrzeugkomponenten zu durchtrennen, um den
Rettungseinsatz zügig durchführen zu können. Dabei müsse aber vor allem die
Lasersicherheit gegeben sein.

Studie vorgestellt
Vor gut zwei Jahren begann eine bundesweite Diskussion über besondere
Belastungen von Feuerwehrangehörigen mit Gefahrstoffen. Internationale Studien
verwiesen darauf, dass ein höheres Risiko für Feuerwehrleute bestünde, an
bestimmten Krebsarten zu erkranken. Allerdings fehlten für Deutschland und
Europa vergleichbare Studien. Dr. Dirk Träger vom Institut für Prävention und
Arbeitsmedizin der DGUV, Bochum, stellte den aktuellen Sachstand dar und
berichtete über Untersuchungen von Feuerwehrleuten in Berlin und Hamburg. Dabei
wird gemessen, ob und wie es zur Aufnahme polyzyklischer aromatischer
Kohlenwasserstoffe bei verschiedenen Einsatzszenarien kommt. Rund 200
Einsatzkräfte beteiligen sich an dem Projekt.

Seinen Vorredner ergänzend, berichtete Tim Pelzl vom Sachgebiet "Feuerwehren
und Hilfeleistungsorganisationen" der DGUV über Kontaminationsschutz und
Hygienemaßnahmen im Feuerwehrdienst. Schwerpunkt seiner Ausführungen waren die
"Schwarz-Weiß-Trennung" auf der Wache bzw. im Feuerwehrhaus sowie das
konsequente Wechseln der kontaminierten Einsatzschutzkleidung.

Berliner Feuerwehr zieht Lehren aus Terroranschlag
Landesbranddirektor Wilfried Gräfling berichtete über Erfahrungen und
Konsequenzen aus der Nachbereitung des Einsatzes nach dem Terroranschlag auf
einen Berliner Weihnachtsmarkt vor gut einem Jahr. Beteiligt waren rund 390
Kräfte der Feuerwehren und des Rettungsdienstes. Gräfling sprach von einem aus
Sicht der Feuerwehr insgesamt gut verlaufenen Einsatz. Es habe eine
"professionelle Ruhe" geherrscht, zudem waren klare Führungsstrukturen und
Zuständigkeiten gegeben.

Gefährdungsbeurteilung wird immer wichtiger
Auch für die Unfallverhütung im Feuerwehrdienst rückt die
"Gefährdungsbeurteilung " immer weiter in den Mittelpunkt. Langjährige
Erfahrung, Sachverstand und Intuition reichen nicht mehr aus. Es bedarf einer
Dokumentation der Gefährdungen im "Betrieb Feuerwehr" mit einer gleichzeitigen
Konzeption zu deren Vermeidung. Dipl.-Ing. Ingo Piehl, Aufsichtsperson der HFUK
Nord, präsentierte verschiedene Arbeitshilfen und eine Online-Lösung, mit der
jede Feuerwehr eine Gefährdungsbeurteilung durchführen kann. Die Online-Lösung
wird ab 2018 zur Verfügung stehen.

Psychische Belastungen im Feuerwehrdienst
Die Zeiten der Fragestellung, ob es im Feuerwehrdienst zu psychischen
Belastungen kommen könne, seien vorbei. Im Mittelpunkt stünden heute die Fragen
der Prävention und wie betroffenen Feuerwehrfrauen und -männern professionell
geholfen werden könne, führte Dipl.-Ing. Ulf Heller von der HFUK Nord aus. Hier
sind nicht nur der Unfallversicherungsträger, sondern auch die Gemeinde als
Träger der Feuerwehr in der (Fürsorge-)Pflicht. Auch käme den Führungskräften
eine besondere Verantwortung zu.

Wie leistungsfähig sind Feuerwehrleute?
Mit einer Studie will das Institut für Prävention und Arbeitsmedizin (IPA) der
Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV), Bochum, die Frage klären, ob
die gängigen Eignungsuntersuchungen in Deutschland die Anforderungen an die
Feuerwehrleute in der Praxis widerspiegeln. Eike M. Marek (IPA) verwies darauf,
dass es bis heute keine Forschungsarbeiten gäbe, die ein Gesamtbild der
körperlichen Belastungen aufzeigen. In der Studie des IPA sollen jetzt 100
Feuerwehrleute zwischen 20 und 50 Jahren untersucht werden. Besonderes Gewicht
soll dabei auf eine praxisnahe Durchführung gelegt werden.

Körperliche Eignung: Hilfen für die Praxis
Dr. Patricia Bunke, Landesfeuerwehrärztin, Mecklenburg-Vorpommern, berichtete
aus der Praxis eines Flächenlandes und stellte in Frage, ob es den
"durchtrainierten Universalfeuerwehrmann" noch gibt? Einerseits werde der
Feuerwehrdienst generell als "gefährliche Tätigkeit" eingestuft, andererseits
den Einsatzkräften aber keine engmaschigen gesundheitlichen Untersuchungen
angeboten.

Präventionskultur in der Feuerwehr
Themenschwerpunkte des Referates von Christian Heinz, stellvertretender
Geschäftsführer und Sachgebietsleiter Prävention der HFUK Nord, waren
Führungskultur, Fehlerkultur und Präventionskultur in der Feuerwehr. Bei
konsequenter Beachtung aller Sicherheitsvorschriften dürfte es zu keinen
Unfällen im Feuerwehrdienst kommen. Dennoch zeigten die Auswertungen von
Unfällen und Beinahe-Unfällen, dass tatsächlich immer noch ein Restrisiko
bestünde. Aus diesem Grunde müsse der Weg hin zu einer Präventionskultur in der
Feuerwehr gegangen werden.

Die neue UVV "Feuerwehren" kommt - in Zeitlupe
Nach scheinbar endlosen Abstimmungen in den zuständigen Bundes- und
Länderministerien und beim Spitzenverband der Unfallversicherungsträger soll
die neue UVV Feuerwehren nach einer zeitlichen Verzögerung von gut zwei Jahren
nun endlich kommen. Detlef Garz, Aufsichtsperson der FUK Mitte und Leiter des
Sachgebiets "Feuerwehren und Hilfeleistungsorganisationen" der DGUV erläuterte
den Teilnehmenden die neue Vorschrift.

Die Feuerwehr-Unfallkassen zogen nach dem Ende des 7. FUK-Forum "Sicherheit"
ein positives Fazit: Die rundum gelungene Veranstaltung war wieder ein
wichtiger Meilenstein der Präventionsarbeit. Dabei wurden wichtige Themen
bearbeitet und neue Handlungsfelder in den Fokus genommen. 2019 -
voraussichtlich wieder im Dezember - wird es das 8. FUK-Forum "Sicherheit"
geben.

AplusA-online.de - Quelle: Hanseatische Feuerwehr-Unfallkasse Nord
im Auftrag der Arbeitsgemeinschaft der Feuerwehr-Unfallkassen Deutschlands