01.04.2015

"Belastungen neu bewerten" - Expertin fordert passgenaue Schutzmaßnahmen

Für eine Neubewertung der Belastungen von Frauen und Männern am Arbeitsplatz
hat sich die Bremer Arbeitsschutzexpertin Barbara Reuhl ausgesprochen.
"Pflegende schleppen mehr als Bauarbeiter", diese verblüffende Tatsache
verdeutliche das Problem am besten, erklärte sie am Donnerstag auf einer
Fachtagung der Arbeitskammer des Saarlandes in Saarbrücken.

Immer noch hätten Arbeitnehmer, Betriebsräte oder Arbeitsschützer bestimmte
Bilder von Arbeit und arbeitsbedingten Belastungen im Kopf, die meistens auf
ein männliches "Normalmodell" von Arbeit bezogen seien. Wie die Belastungen von
Männern und von Frauen von ihnen selbst und von den Experten wahrgenommen und
beurteilt werden, hänge auch von gängigen Geschlechterbildern ab. Da kenne der
"Indianer" eben keinen Schmerz, auch wenn er noch so schwer heben und tragen
müsse, und die Verkäuferin müsse selbstverständlich immer freundlich und adrett
sein, egal wie sie sich fühle und wie freundlich die Kunden seien.

"Es geht nicht um einen Wettbewerb, wer die ‚wichtigeren‘ Belastungen hat,
sondern um gleiche Chancen für gesunde Arbeitsbedingungen", sagte Reuhl.
Deshalb müssten bei der vorgeschriebenen Gefährdungsbeurteilung der
Arbeitsplätze die geschlechtsspezifischen Belastungen erfasst werden, damit die
Schutzmaßnahmen passgenau sind. Das verbessere den Arbeitsschutz für alle.

Die Veranstaltung der Arbeitskammer stand unter dem Titel "Gleichstellung im
Arbeits- und Gesundheitsschutz: (K)ein Thema?". Dabei ging es vor allem um
Erfahrungen aus dem betrieblichen Alltag. "Diese Erkenntnisse müssen stärker
als bisher in die betriebliche Praxis aufgenommen werden", sagte der
Hauptgeschäftsführer der Arbeitskammer Horst Backes. Dazu sei es nötig, dass
die betrieblichen Akteure des Arbeits-und Gesundheitsschutzes die sogenannte
"Gender-Brille" aufsetzten und sich über die geschlechtsspezifischen
Zusammenhänge klar würden.

Zur Person von Barbara Reuhl:
Barbara Reuhl ist Referentin für Arbeitsschutz und Gesundheitspolitik bei der
Arbeitnehmerkammer Bremen und Fachkraft für Arbeitssicherheit. Derzeitige
Arbeitsschwerpunkte sind geschlechtergerechter Arbeitsschutz, barrierefreie
Gestaltung von Arbeitsstätten, Berufskrankheiten, Gute Praxis des
Arbeitsschutzes in KMU. Sie arbeitet im Bremer DGB-Arbeitskreis Arbeitsschutz
mit, ist Vertreterin auf Versichertenseite in einem Rentenausschuss der
Verwaltungs-Berufsgenossenschaft und Mitglied im Netzwerk Gender.


AplusA-online.de - Quelle: Arbeitskammer des Saarlandes