Gesunde Unternehmen: Arbeitsschutz und Ökonomie – passt das zusammen?

Die Modelle zum betriebswirtschaftlichen Nutzen des Arbeitsschutzes sind in den Argumentationen gegenüber Unternehmen ein wichtiger Mosaikstein, gehen aber an den eigentlichen Potenzialen des Arbeitsschutzes vorbei.

Weiche Themen rechnen sich nicht kausal

Arbeitsschutz rechnet sich nicht kurzfristig. Sicherheit und Gesundheit wirken oft indirekt auf die Wertschöpfungsprozesse im Unternehmen und lassen sich somit schwer kurzfristig betriebswirtschaftlich darstellen.

Damit steht der Arbeitsschutz übrigens nicht alleine. Ihm geht es da wie anderen Themen im Unternehmen wie beispielsweise: Förderung der humanen und sozialen Ressourcen, Wertemanagement, Führungsqualität, Unternehmenskultur, Personalentwicklung, Kundenkommunikation oder Informationsmanagement. Auch bei diesen Themen lassen sich betriebswirtschaftliche Effekte kaum direkt und kausal ableiten. Diese Themen allerdings stufen viele, vor allem gute Unternehmen, als zunehmend wichtiger ein, weil sie merken, dass sie mit kurzfristigen betriebswirtschaftlichen Strategien nicht am Markt bestehen können. Auch das Thema Gesundheit und Sicherheit bei der Arbeit gehört zu diesen Themen mit Rückenwind.

Studien zur Wirtschaftlichkeit

Es werden immer wieder Studien durchgeführt, die den ökonomischen Nutzen von Gesundheit und Sicherheit belegen wollen. Hier einige Ergebnisse dieser Studien:


  • Von 14 Evaluationsstudien zu verschiedenen Gesundheitsförderungsprogrammen, die Fehlzeiten untersucht haben, ergaben sich Reduktionen bei den Fehlzeiten von 12 % bis 36 % für die Teilnehmer an den Gesundheitsförderungsprogrammen bzw. eine Verringerung der mit Fehlzeiten verbundenen Kosten um 34 %. Programme zur betrieblichen Gesundheitsförderung führen nachweislich zu einer Reduktion von Absentismus. (1)

  • Die berichteten Werte für den „Return of Investment“ liegen zwischen 1:2,3 für die Einsparung bzgl. der Krankheitskosten und 1:10,1 in Hinsicht auf Kostenersparnis durch verringerte Abwesenheiten. (1)

  • Maßnahmen der betrieblichen Gesundheitsförderung führen einerseits zu einer Reduktion von Krankheitskosten um durchschnittlich -26,1 %. Auf der anderen Seite werden die krankheitsbedingten Fehlzeiten um durchschnittlich -26,8 % verringert. (2)

  • Der Return on Prevention der Maßnahmen zum betrieblichen Arbeits- und Gesundheitsschutz betrug bei den befragten Unternehmen durchschnittlich 2,2. Konkret bedeutet dies, dass Unternehmen, die 1 EUR (oder jede andere Währungseinheit) pro beschäftigter Person und Jahr in betriebliche Prävention investieren, mit einem potenziellen ökonomischen Erfolg in Höhe von 2,2 EUR rechnen können. (3)

  • Für besonders bedeutsam erachten die befragten Unternehmen den Wertzuwachs durch gestiegene Motivation und Zufriedenheit der Beschäftigten (21 %), ein höheres Image (21 %) sowie vermiedene Betriebsstörungen (19 %). (3)


(1) Zusammenfassung nach IGA-Report 3: Kreis, J; Bödeker, W. (2003): Gesundheitlicher und ökonomischer Nutzenm betrieblicher Gesundheitsförderung und Prävention Zusammenstellung der wissenschaftlichen Evidenz (IGA-Report 3), Essen und Sockoll, I.; Kramer, I.; Bödeker, W. (2009): Wirksamkeit und Nutzen betrieblicher Gesundheitsförderung und Prävention Zusammenstellung der wissenschaftlichen Evidenz 2000 bis 2006, IGA-Report 13, Essen
(2) Kramer, I.; Bödeker, W. (2008): Return on Investment im Kontext der betrieblichen Gesundheitsförderung und Prävention IGA-Report 16, Essen
(3) Bräunig, D.; Kohstall, T. (2011): Prävention lohnt sich: Kosten und Nutzen von Präventionsmaßnahmen zu Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz für die Unternehmen, Genf


Die Studien belegen, dass sich langfristig Investment in Sicherheit und Gesundheit auch ökonomisch rechnet zumindest in einzelnen Handlungsfeldern wie Fehlzeiten und Krankheitskosten. Tatsächlich jedoch hält Sicherheit und Gesundheit der engen und kurzfristigen betriebswirtschaftlichen Sicht nicht immer Stand, da Investitionen sich nicht kausal in wirtschaftliche Effekte umrechnen lassen. Die oben dargestellten Studien sind hilfreich für die Argumentation aber sollten nicht überstrapaziert werden.

Auf eigentlichen Nutzen von Sicherheit und Gesundheit verweisen

Um den wirtschaftlichen Nutzen des Themas Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit darzustellen, werden quantifizierbare Fehlzeiten, Krankheitskosten, Unfälle und Berufskrankheiten betrachtet.

Der – auch wirtschaftliche – Nutzen einer guten Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit liegt aber gerade darin, die betrieblichen Prozesse präventiv mit zu gestalten. Es geht darum, es erst gar nicht zu Fehlzeiten und Unfällen kommen zu lassen. Es geht vor allem darum Prozesse störungs- und reibungslos zu gestalten und eine hohe Leistungsbereitschaft und Produktivität bei den Beschäftigten zu erzielen. Das bedeutet zum Beispiel


  • eine Arbeitsvorbereitung, in der Prozesse vorausschauend so geplant sind, das sich möglichst wenig Fehler und Störungen ereignen – zum Beispiel mit Hilfe der Gefährdungsbeurteilungen

  • ein Risikomanagement, das nicht nur Finanzrisiken erfasst, sondern auch die Risiken der Planungs- und Arbeitsprozesse – zum Beispiel durch Gefährdungsbeurteilungen

  • einen Personaleinsatz, in dem die Menschen für ihre Arbeitsaufgaben geeignet und gut über sie informiert sind – zum Beispiel durch arbeitsmedizinische Betreuung, Unterweisung, Wissensmanagement

  • eine eff ektive Ressourcennutzung durch eine vorausschauende Arbeitsgestaltung– zum Beispiel durch sichere Arbeitsmittel, ergonomische Raumumgebung

  • eine wirkungsvolle Personalbindung und Imagegewinn – zum Beispiel durch Führungsqualität, Förderung der Gesundheit, geringe Unfallquote, Konzepte für älter werdende Beschäftigte


Sicherheit und Gesundheit können helfen, täglich besser zu werden. Ihre eigentlichen Potenziale liegen in der Prävention. Vorbeugende Gestaltung von Prozessen ist aber immer zunächst einmal mit Aufwand und damit auch mit Kosten verbunden (wie übrigens alle anderen systematischen Planungen im Unternehmen auch). Die betriebswirtschaftlichen Effekte eines präventiven Arbeitsschutzes lassen sich nur schwer direkt, kausal und kurzfristig rechnen. Sie zeigen sich mittelfristig in einer effektiven und produktiven Wertschöpfung, in möglichst fehler- und störungsfreien Abläufen, im Einsatz innovativer und sicherer Technologien und Arbeitsmittel, in motiviert arbeitenden Beschäftigten und Führungskräften, in einer guten Unternehmenskultur, in einer gezielten Personalentwicklung und Personalstrategie angesichts der demographischen Entwicklung, usw.

Die Schlussfolgerung

Die Schlussfolgerung zur Frage nach der Wirtschaftlichkeit von Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit lautet also: Arbeitsschutz lässt sich kurzfristig betriebswirtschaftlich nicht rechnen. Die Potenziale des Arbeitsschutzes zeigen sich fast ausschließlich mittel- und langfristig in der präventiven Gestaltung der Arbeitsprozesse (und der Arbeitssysteme). Die Modelle zum betriebswirtschaftlichen Nutzen des Arbeitsschutzes sind in den Argumentationen gegenüber Unternehmen ein wichtiger Mosaikstein, gehen aber an den eigentlichen Potenzialen von Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit vorbei.

Eines allerding können wir heute - abgesichert durch viele Studien - sagen: Wer Sicherheit und Gesundheit gut gestaltet hat langfristig hohe wirtschaftliche Effekte.