Fehlzeitenreport 2015: Mehr als jeder fünfte Auszubildende zeigt riskantes Gesundheitsverhalten

Umfrage des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO)

Die Betriebe in Deutschland stehen vor einer doppelten Herausforderung. Einerseits wird die Belegschaft immer älter. Andererseits offenbaren bereits Auszubildende Defizite im Gesundheitsverhalten und berichten über zum Teil erhebliche gesundheitliche Probleme. Das zeigt die erste repräsentative Befragung von 1.295 Auszubildenden im Fehlzeiten-Report 2015 des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO). Ein Drittel der Auszubildenden berichtet über häufig auftretende körperliche und psychische Beschwerden. Gesundheitsgefährdendes Verhalten wie wenig Bewegung, schlechte Ernährung, wenig Schlaf, Suchtmittelkonsum oder übermäßige Nutzung der digitalen Medien ist bei jedem fünften Auszubildenden zu beobachten. Bei beinahe jedem zehnten Befragten treten gesundheitliche Beschwerden und gesundheitsgefährdendes Verhalten gleichzeitig auf.

Der Fehlzeiten-Report macht deutlich, wie wichtig zielgruppenspezifische Präventionsangebote sind, die auf die jeweiligen Bedürfnisse eingehen. "Betriebliche Gesundheitsförderung ist auch ein Wettbewerbsfaktor. Mittelfristig werden in vielen Branchen und Regionen gesunde Auszubildende händeringend gebraucht", sagt Mitherausgeber und stellvertretender Geschäftsführer des WIdO, Helmut Schröder. Ende 2014 gab es knapp 1,4 Millionen Auszubildende in Deutschland, ca. 37.000 Ausbildungsstellen blieben unbesetzt. Vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung haben Unternehmen zunehmend Schwierigkeiten, die vorhandenen Ausbildungsstellen zu besetzen. Junge und gut ausgebildete Fachkräfte nützen dem Unternehmen nur, wenn sie gesund und leistungsfähig sind und auch bleiben.

Zahlreiche Gesundheitsbeschwerden

Vier von fünf Auszubildenden (83,6 Prozent) schätzen ihren allgemeinen Gesundheitszustand selbst als gut oder sehr gut ein. Zugleich berichten mehr als die Hälfte (56,5 Prozent) über häufige körperliche Beschwerden und fast die Hälfte (46,1 Prozent) auch über psychische Beschwerden. Jeder vierte Auszubildende klagt über häufige Kopfschmerzen (25,7 Prozent), gut jeder Fünfte leidet an Rückenschmerzen (21,1 Prozent) und Verspannungen (22,1 Prozent). Häufig auftretende psychische Beschwerden sind laut Umfrage Erschöpfungszustände (36,0 Prozent), Lustlosigkeit (15,1 Prozent), Reizbarkeit (10,7 Prozent) und Schlafstörungen (10,0 Prozent).

Problematisches Gesundheitsverhalten

Das Gesundheitsverhalten hat einen maßgeblichen Einfluss auf den Gesundheitszustand. Schon jüngere Menschen bewegen sich teilweise zu wenig, ernähren sich nicht richtig und schlafen nicht genug. Mehr als jeder dritte Auszubildende raucht und fast jeder Fünfte zeigt einen riskanten Alkoholkonsum. Ein Viertel der Auszubildenden ist kaum sportlich aktiv (26,1 Prozent). 27 Prozent der Befragten nehmen kein regelmäßiges Frühstück zu sich, und 15,8 Prozent verzichten sogar ganz darauf.

Dazu kommt ein hoher Konsum von Fast-Food und zuckerhaltigen Lebensmitteln. Mehrfach pro Woche essen 17 Prozent Fast-Food und 57,4 Prozent Süßigkeiten. Süßigkeiten stehen häufiger auf dem Speiseplan weiblicher Auszubildender, während Männer eher zu Fast-Food-Produkte neigen. Mehr als ein Drittel der männlichen Auszubildenden und jede vierte weibliche Auszubildende schlafen werktags weniger als sieben Stunden, obwohl sie in ihrer Lebensphase mehr Schlaf benötigen. Etwa jeder Achte fühlt sich in Arbeit und Schule "fast nie" oder "niemals" ausgeruht und leistungsfähig. Überdurchschnittlich gesundheitsgefährdend lebt, wer etwa weniger als einmal im Monat Sport treibt oder mindestens einmal die Woche übermäßig Alkohol trinkt.

Deutliche Auswirkungen auf die Ausbildung

Auszubildende mit gesundheitsbewusstem Lebensstil nehmen ihre Arbeitsbedingungen wie auch die der Belastungssituation im Betrieb insgesamt positiver wahr. Auch das ist ein Ergebnis der WIdO-Umfrage. Die Gruppe der risikobehafteten Auszubildenden nimmt eine deutlich kritischere Bewertung vor. 14,2 Prozent von ihnen fühlen sich nicht angemessen im Betrieb gefordert, von den gesunden Auszubildenden sagen dies nur 5,7 Prozent. Gut jeder Vierte (28,5 Prozent) der risikobehafteten Befragten sieht die beruflichen Entwicklungschancen pessimistisch, die gesunden Auszubildenden sind mit 12,5 Prozent optimistischer. Auch das Verhalten des Vorgesetzten bewerten beide Gruppen unterschiedlich: Während ein Fünftel der risikobehafteten Auszubildenden (20,6 Prozent) bemängelt, dass sich ihr Vorgesetzter nicht ausreichend Zeit für sie nimmt, liegt der Vergleichswert bei gesunden Auszubildenden deutlich niedriger (8,6 Prozent).

Dieser Trend setzt sich bei der Gesamtzufriedenheit mit dem Ausbildungsbetrieb fort. Während mehr als jeder Zehnte der risikobehafteten Auszubildenden (10,9 Prozent) mit der Arbeit im Betrieb nicht zufrieden ist, ist dies bei den gesunden Auszubildenden nur jeder Dreißigste (3,3 Prozent). Alles in Allem jedoch stellen die Auszubildenden der Gesamtsituation in ihren Betrieben ein positives Zeugnis aus: Drei Viertel der Auszubildenden (73,7 Prozent) sind zufrieden bzw. sehr zufrieden, lediglich 6,1 Prozent sind unzufrieden.

Großes Interesse an betrieblichen Gesundheitsangeboten

Die WIdO-Befragung zeigt auch eine hohe Aufgeschlossenheit der Auszubildenden gegenüber betrieblichen Gesundheitsangeboten. Fast drei Viertel der Auszubildenden finden Gesundheitsförderangebote ihres Arbeitgebers gut. Fast zwei Drittel von ihnen würden speziell auf Auszubildende zugeschnittene betriebliche Angebote bevorzugen. „Die Studienergebnisse zeigen auch, dass von Seiten der Auszubildenden ein hoher Bedarf an Maßnahmen zur Betrieblichen Gesundheitsförderung besteht. Für Unternehmen, die dies erkennen, bietet sich die Chance, Fehlzeiten bei Auszubildenden frühzeitig zu begegnen. Dafür sollten sie von Beginn an zielgruppengerechte gesundheitsförderliche Angebote entwickeln“, so Schröder.